Fraktur-Ligatur „ſt“ im Sperrſatz

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Fraktur-Ligatur „ſt“ im Sperrſatz

Beitragvon mach » 2011-03-11, 23:07

Was geſchieht mit der Ligatur „ſt“ in korrekt geſperrter Fraktur? Wird die Ligatur „ſt“ geſperrt oder nicht? Geſchieht beim Sperren von „ſt“ irgendetwas Beſonderes?

Es ſcheint drei verſchiedene Meinungen zu geben:

  1. Die Ligatur „ſt“ wird im Sperrſatz nicht geſperrt. So ſteht es in typographiſcher Fachliteratur aus der Zeit, als der Frakturſatz noch üblich war:

    Marahrens (1870, S. 82) hat geſchrieben:Bei ſpatiiniertem Satz haben wir nur die Ligaturen tz, ſ‍z, ck, ch und ſt; die übrigen – alſo ſſ, ſi, ll, fi, ff, fl – werden zuſammengeſetzt und als zwei Buchſtaben betrachtet, folglich auch durch Spatien getrennt.


    Niel (1925, S. 871, Lemma „ſpatiinierter Satz“) hat geſchrieben:In der Fraktur iſt die Trennung der Ligaturen ch, ck, ſt, ſ‍z, tz verboten.

  2. Die Ligatur „ſt“ wird im Sperrſatz geſperrt, ebenſo wie z. B. die Ligaturen „fi“ oder „fl“. Die einzigen Ligaturen, die im Sperrſatz nicht geſperrt werden, ſind folglich „ch ck tz“. So ſteht es derzeit im Duden:

    Duden (1996, S. 69) hat geſchrieben:Wird die Schrift geſperrt, werden ch, ck und tz nicht mitgeſperrt.

  3. Die Ligatur „ſt“ wird im Sperrſatz „getrennt, jedoch nicht geſperrt“. So ſteht es im 1968er Duden aus Leipzig:

    Duden (1968, S. 682) hat geſchrieben:Im Sperrſatz ſind Ligaturen nicht anzuwenden. Das gilt im Sperrſatz aus gebrochenen Schriften jedoch nicht für die Ligaturen ch, ck und tz. In gebrochenen Schriften wird an Stelle der Ligatur ſt bei Sperrſatz ſ und t getrennt, jedoch nicht geſperrt geſetzt.

Was nun?

Wird das „ſt“ im Sperrſatz nicht geſperrt (Löſung 1), geſperrt (Löſung 2), oder getrennt, aber nicht geſperrt (Löſung 3)? Muſs dieſe Uneinheitlichkeit als deregulatoriſche Beliebigkeit hingenommen werden, oder gibt es Anhaltspunkte, wonach eine der drei widerſprüchlichen Löſungen vorzuziehen iſt? – Jawohl, es gibt ſolche Anhaltspunkte. Sie ſprechen dafür, daſs das „ſt“ im Sperrſatz nicht geſperrt wird (Löſung 1):

Einerſeits dünkt es mich, die jeweiligen Quellen unterſcheiden ſich eindeutig bezüglich ihrer Vertrauenswürdigkeit. Bei den Quellen, die dafür ſprechen, daſs die Ligatur „ſt“ im Sperrſatz nicht geſperrt wird (Löſung 1), handelt es ſich um typographiſche Fachliteratur aus einer Zeit, als der Frakturſatz noch gang und gäbe war. Bei den Quellen, die dagegen ſprechen, handelt es ſich nicht um typographiſche Fachliteratur, und ſie ſtammen aus einer Zeit, als der Frakturſatz bereits nicht mehr üblich war. Beide Quellen ſind zudem verſchiedene Ausgaben desſelben Werks (nämlich des Rechtſchreibe-Dudens), was zu beſonderem Miſstrauen veranlaſſen ſollte.

Andererſeits – und das wiegt meiner Anſicht nach ſchwerer – wird in den allermeiſten Frakturtexten, die ich angetroffen habe, das „ſt“ im Sperrſatz nicht geſperrt (Löſung 1). Stattdeſſen wird im geſperrten Satz haargenau dasſelbe „ſt“ verwendet wie im gewöhnlichen Satz. Selten einmal habe ich einen Text angetroffen, wo ein „ſt“ im geſperrten Satz geſperrt iſt (Löſung 2). Ein prominentes Beiſpiel dafür iſt die Fauſt-I-Erſtausgabe (abgerufen 2011-03-11). Das halte ich allerdings für einen Ausreißer, ebenſo unbedeutſam wie eine gelegentliche Verwendung von „st“ an Stelle von „ſt“ (z. B. in einer Fauſt-I-Ausgabe von 1841, abgerufen 2011-03-11). Die Erklärung für dieſen Ausreißer ſehe ich darin, daſs er aus dem frühen 19. Jahrhundert ſtammt, als die Rechtſchreibung noch weniger gefeſtigt war als ſpäter.

Ich habe noch nie auch nur ein allereinzigſtes Beiſpiel gefunden, wo die Ligatur „ſt“ im Sperrſatz „getrennt, jedoch nicht geſperrt“ würde (Löſung 3). Sogar auf einer Internetſeite wie Die_Fraktur - Frakturschriften, wo doch eigentlich Löſung 3 propagiert wird, zeigt das Beiſpielbild im geſperrten Satz haargenau dasſelbe „ſt“ wie im gewöhnlichen Satz (Löſung 1)!

Man mag mir vorwerfen, daſs ich nicht genügend gut geſucht habe. Ich gebe zu, ich habe wohl nur einige Dutzend Frakturtexte konſultiert, viele über Googles Erweiterte Buchſuche, und ich habe nur die Schriftexperten in verſchiedenen Internetforen befragt, ob ſie ein Beiſpiel für ein „getrenntes, aber nicht geſperrtes“ ſt kennten (Löſung 3). Ich bin jedoch zuverſichtlich, daſs ich mir genügend Überblick verſchafft habe, um mit Beſtimmtheit behaupten zu können, daſs Löſung 3 wenn überhaupt, dann nur ſelten anzutreffen wäre. Ich laſſe mich gerne auch eines beſſeren belehren: Wenn mir jemand zeigen kann, daſs ich eine große Mehrheit von Frakturtexten überſehen habe, wo das „ſt“ im Sperrſatz „getrennt, jedoch nicht geſperrt“ wird (Löſung 3), ſo werde ich meinen Fehler anerkennen. Bislang hat mir aber noch niemand auch nur ein allereinzigſtes Beiſpiel dafür zeigen können.


Spekulation über die Urſachen

Was die Behauptung aus dem 1996er Duden angeht, wonach das „ſt“ im Sperrſatz geſperrt werde (Löſung 2), ſo könnte ich mir einen Zuſammenhang mit der Abſchaffung des Trennverbots für „ſt“ vorſtellen. Vor 1996 hieß es: „Trenne nie Es-Te, denn das tut ihm ſchrecklich weh!“ Dieſe Ausnahme iſt mit der Rechtſchreibreform von 1996 abgeſchafft worden. Vielleicht hat jemand Übereifriges in der Dudenredaktion angenommen, daſs wegen dieſer neu eingeführten Trennbarkeit am Zeilenende die Nicht-Sperrbarkeit von „ſt“ im Sperrſatz dahinfalle. Das iſt aber ein Trugſchluſs. Es beſteht nämlich überhaupt kein Zuſammenhang zwiſchen der Trennbarkeit am Zeilendende und der Nicht-Sperrbarkeit, wie am Beiſpiel des „tz“ leicht erkennbar iſt, das am Zeilenende getrennt, aber trotzdem nicht geſperrt wird.

Was die Behauptung aus dem 1968er Duden aus Leipzig angeht, wonach das „ſt“ im Sperrſatz „getrennt, jedoch nicht geſperrt“ werde, ſo könnte ich mir allenfalls einen Zuſammenhang damit vorſtellen, daſs in gewiſſen Schriften das „ſt“ keine Ligatur im engeren Sinn darſtellt. Eine Ligatur im engeren Sinn iſt beſteht aus zwei Buchſtaben, die ligiert ſind, d. h., ſie berühren einander. Je nach Schrift kann das „ſt“ ligiert ſein oder nicht. Ob nun aber das „ſt“ ligiert iſt oder nicht – es bleibt ſich gleich, egal ob es im gewöhnlichen Satz oder im geſperrten Satz verwendet wird.

In einer Schrift, die ein ligiertes „ſt“ hat, wird dieſes ligierte „ſt“ ſowohl im gewöhnlichen Satz als auch im geſperrten Satz verwendet (Löſung 1). In einer Schrift, die ein nicht-ligiertes „ſt“ hat, wird dieſes nicht-ligierte „ſt“ ſowohl im gewöhnlichen Satz als auch im geſperrten Satz verwendet (Löſung 1). Es ſcheint keine Schriften zu geben, die zwiſchen einem ligierten „ſt“ für den gewöhnlichen Satz und einem nicht-ligierten „ſt“ für den geſperrten Satz unterſcheiden würden (Löſung 3). So geſehen ſind ſowohl das ligierte als auch das nicht-ligierte „ſt“ Ligaturen im weiteren Sinn.

Im Jargon des Bleiſatzes ausgedrückt, ſind ſowohl das ligierte als auch das nicht-ligierte „ſt“ eine einzige Drucktype bzw. Bleiletter, also ein einziger Kegel, deſſen Kopfſeite als Bild zwei ſpiegelverkehrte Buchſtaben trägt.

Vielleicht hatte jemand in der Dudenredaktion ob dieſer Verwirrung von ligiertem und nicht-ligiertem „ſt“ plötzlich die Idee gehabt, daſs das ligierte „ſt“ nur im gewöhnlichen Satz vorkäme, das nicht-ligierte hingegen im geſperrten Satz (Löſung 3) – obwohl es eine derartige Unterſcheidung gar nie gegeben hatte? Ich weiß es nicht. Ich habe auch nicht unterſucht, was wohl in anderen Dudenausgaben ſteht. Es wäre vermutlich intereſſant, die Entwicklung der Regelung von „ſt“ im Sperrſatz über verſchiedene Dudenausgaben zu verfolgen (vielleicht ſind ja noch zahlreiche weitere, originelle Dudenregeln zu entdecken).


Fazit

Alle Indizien ſcheinen mir dafür zu ſprechen, daſs die Ligatur „ſt“ im Frakturſatz nicht geſperrt wird. Die Ligatur „ſt“ gehört alſo zuſammen mit den Ligaturen „ch ck tz“ zu den nicht-ſperrbaren Ligaturen.


Literatur:

  • Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der Deutschen Rechtschreibung, 16. Aufl. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut (1968). (Zitiert aus zweiter Hand gemäß Diskuſſion:Sperrſatz – Wikipedia (Verſion 2008-11-22, 14:24:07), abgerufen 2011-03-11.)
  • Duden, Rechtſchreibung der deutſchen Sprache. 21., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtſchreibung. Duden Band 1. Mannheim, Leipzig und Zürich: Dudenverlag 1996.
  • Marahrens, Auguſt (1870): Vollſtändiges theoretiſch-praktiſches Handbuch der Typographie nach ihrem heutigen Standpunkt. Erſter Band: Das Setzen in ſeinen verſchiedenen Branchen. Leipzig: Leipziger Vereinsbuchdruckerei. URL: http://openlibrary.org/ia/vollstndigesthe00maragoog (abgerufen 2011-03-11).
  • Niel, Richard L. (1925): Satztechniſches Taſchen-Lexikon. 2. Aufl. Wien. (Die relevanten Seiten 870–873 finden ſich geſcannt unter Zwangsverbünde im geſperrten Frakturſatz: Das ſt (Typografie.info-Forum) – vielen Dank an Erwin Krump! –, abgerufen 2011-03-11.)
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Re: Fraktur-Ligatur „ſt“ im Sperrſatz

Beitragvon gawl » 2011-03-14, 14:41

Für mich iſt „Löſung 1“ ſchon immer derart ſelbſtverſtändlich geweſen, daß ich nun richtiggehend überraſcht bin zu ſehen, daß ausgerechnet Ausgaben des renommierten „Duden“ ſich ſolche Schnitzer erlauben.
„Löſung 2“ iſt ſehr wahrſcheinlich durch die Rechtſchreibreform (alſo durch die damals neu eingeführte Trennbarkeit von ſ und t) inſpiriert, wenngleich für mich trotzdem nicht logiſch nachvollziehbar.
Mir liegt hier der Duden in einer Ausgabe von 1939 vor. Dort gibt es leider gar keine Regeln zum Thema Sperrſatz. (Nun ja, der Duden ſah ſich ja auch nicht als Lehrbuch für Typographie und Buchdruck.) Aber trotzdem kann man natürlich ſchauen, wie der Sperrſatz dort gehandhabt iſt: Dort wird intereſſanterweiſe eine (Fraktur-)Schriftart verwendet, in dem „ſt“ nicht ſehr eng miteinander ligiert ausſehen, ſondern eher wie nebeneinanderſtehendes ſ und t. (Vermutlich hat ſich ja eine ſpätere Generation hiervon zur Behauptung von „Löſung 3“ anregen laſſen?) Trotzdem iſt aus meiner Sicht ſehr deutlich zu erkennen, daß im Sperrſatz exakt dasſelbe „ſt“ verwendet wird!

Literatur: Der Große Duden, 11. Auf‌lage, bearbeitet von Dr. Otto Basler unter Mitwirkung der Fachſchriftleitungen des Bibliographiſchen Inſtituts, 1939.
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Re: Fraktur-Ligatur „ſt“ im Sperrſatz

Beitragvon Altaïr » 2011-03-14, 21:11

Ich habe mich aus gutem Grunde bisher ſtets an Löſung 1 gehalten – und ich werde dies auch in Zukunft beherzigen.

Ich bin der feſten Überzeugung, daß zeitgenöſſiſche Fachliteratur glaubwürdiger iſt als ein allgemeines Rechtſchreibbuch, von welchem letztere Ausſage ſogar aus einer Zeit ſtammt, zu der bereits ſeit Jahrzehnten keine Fraktur mehr geſchrieben wird.

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„Die Fraktur iſt eine Schriftart aus der Gruppe der gebrochenen Schriften. Sie war von Mitte des 16. bis Anfang des 20. Jahrhunderts die meiſt benutzte Druckſchrift im deutſchſprachigen Raum.“ » Wikipedia
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